Meine fünf vaterlosen Freunde

„Wie aus einem Jungen ein Mann wird, kann er nur von Männern lernen, aber niemals von Frauen.“ Bjorn Thorsten Leimbach*

Was wird aus Jungs, die ohne Vater aufwachsen? Wie werden sie zum Mann?
In der Schweiz gibt es mehr als 160‘000 alleinerziehende Mütter; in Deutschland sind es weit mehr als eine Million. Ich war selber einer dieser Söhne, der mit einer alleinerziehenden Mutter gross wurde. Ich fand kein männliches Vorbild in meinem biologischen Vater. Ich weiss, dass meine Mutter versuchte —so gut sie konnte—zu zeigen, wie man zu einem „guten Mann“ heranwächst. Die Botschaft kam jedoch oft nicht an, oder wollte von mir nicht angenommen werden. Ich erinnere mich, wie ich oft dachte: Sie ist doch eine Frau, was weiss sie schon über das Mannsein? Meines Erachtens traf ich oft falsche Entscheidungen, zog seltsame Schlüsse, weil ich dachte, dieses Verhalten entspreche meiner Rolle als Mann.

In dieser Arbeit zeige ich anhand von Erzählungen fünf junger Männer (24-28), was es heissen kann, ohne Vater aufzu- wachsen. Diese Arbeit soll einen Einblick in ihr Leben ermöglichen. Die fünf Portraitierten berichten, wie sie aufgewach- sen sind, was sie erlebt haben und wie sie mit ihrer Situation umgegangen sind. Ich möchte anhand dieser fünf persönli- chen Geschichten mit Sprache und Fotografie versinnbildlichen, wie es sein kann, ohne Vater zu sein. Dabei geht es mir um die persönliche Wahrnehmung der Söhne, ihre individuelle Art über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ich erhebe hier- bei jedoch nicht den Anspruch eine wissenschaftliche Analyse zu machen oder verallgemeinerbare Aussagen zu treffen. Um die nötige Vertrauensbasis zu gewährleisten und sich auf eine tiefe Art und Weise öffnen zu können, arbeite ich mit Söhnen, die ich bereits kenne. Sie kommen alle aus derselben Region und gehören finanziell nicht zum oberen Drittel. Diese Merkmale haben die Probanden gemeinsam. Ihre genauen Vater/Sohn-Geschichten kannte ich jedoch nicht im Voraus. Auch ich habe ausserhalb dieses Kontexts nie mit ihnen über dieses Thema gesprochen.

Basierend auf der Literatur, die ich las, lernte ich, dass der emotionale Aspekt und das was in dem heranwachsenden Sohn durch das Gefühl des im Stich-gelassen-Werdens passiert, nicht viel mit Herkunft oder sozialem Stand der Fami- lie zu tun hat. Es spielt sozusagen keine Rolle, ob man mit dem neusten Nike Schuh oder in Secondhand-Kickschuhen Fussball spielt. Das Ausschlaggebende ist, dass man der einzige Junge in der Mannschaft ist, dessen Vater nicht zum Spiel kommt!